von Vera
Queer ist schon längst kein Fremdwort mehr. Der aktuelle Diskurs rund um Queerness ist gigantisch. In Kriegsgebieten und wegen Klimawandel herrscht Weltuntergangsstimmung – und in der queeren Community ebenso. Bevor Transpersonen ihre verdienten Rechte «fertig» erkämpft haben, werden sie ihnen bereits wieder genommen. «Andersliebende» werden diskriminiert und angegriffen. Und wie die erst kürzlich geschehene Tragödie am CSD Berlin zeigt: Sogar Veranstaltungen von und für die Community sind nicht mehr sicher. Angeblich gibt es nur eine richtige Art zu leben und zu lieben. Und immer wieder hört man die Begründung: «Wieso jetzt auf einmal ändern, was sich bewährt hat? Entweder bist du ein Mann oder eine Frau. Es war schon immer so, also soll es auch so bleiben». Neues und Anderes macht Angst. Aber ist (gender)queerness wirklich etwas Neues?
Als Trans* beschreibt man Menschen, die sich nicht mit dem ihnen zugeteilten Geschlecht identifizieren. Genderqueer wird als Überbegriff benutzt, für Menschen, die nicht in die binäre Geschlechternorm passen. Das binäre Geschlechtermodell wird seit Jahrzehnten hinterfragt und diskutiert. Die Unterscheidung zwischen dem sozialen Geschlecht («Gender») und des biologischen Geschlechts («sex») und deren Zusammenhang ist in der Medizin schon seit den 1950er Jahren ein wichtiger Gegenstand der Debatte. Weder beim sozialen noch beim biologischen Geschlecht ergibt eine Einordnung in ein binäres System Sinn, wenn man beachtet, dass es nicht nur bei der Geschlechtsidentität («Gender») sondern auch bei
dem biologischen Geschlecht («sex») Anzeichen oder gar Beweise für Nicht-Binarität existieren, wie zum Beispiel Intersexualität.
Queere Menschen, speziell Trans* und genderqueere Menschen müssen Ihre Existenz ständig rechtfertigen und beweisen. Dabei wird ständig übersehen beziehungsweise ignoriert, dass es uns schon lange gibt. In verschiedenen Kulturen auf der ganzen Welt gibt es Gruppierungen, die nicht in die binäre Geschlechternorm passen. Sie werden oft auch als «dritte Geschlechter» bezeichnet. Ähnliche Beschreibungen solcher «dritter Geschlechter» wurden bereits in der griechischen Mythologie entdeckt. In ihrer Gesellschaft werden sie nicht nur akzeptiert, sondern auch gefeiert, und haben teils einen hohen sozialen Status. Sie nehmen oft eine angesehene Rolle ein, zum Beispiel als Heilende, spirituelle Beratende in politischen und militärischen Entscheidungen, Glücksbringende, Lehrende, Vertretende von «Göttlichkeiten», und so weiter… Die Gruppierungen unterscheiden sich in verschiedenen Aspekten, wie zum Beispiel in der Geschlechtsidentität oder der gesellschaftlichen Rollenverteilung. Manche können mit Transpersonen verglichen werden und können sich auch mit dem Begriff identifizieren, andere leben es lediglich im sogenannten «Crossdressing» aus. So oder so stellen sie die binäre Geschlechternorm, wie sie vor allem in der westlichen Welt vermittelt wird, stark in Frage. Sie sind Beweise, dass das binäre Geschlechtermodell nicht universell anwendbar ist. Auf einem Spektrum genau der «Norm» zu entsprechen ist sehr unwahrscheinlich. Deshalb haben Menschen ausserhalb der «Norm» jedes Recht zur Akzeptanz. Es scheint offensichtlich, dass sie sogar weit vor der späteren Beharrung auf nur zwei Geschlechtern existiert haben und wir enorm viel von Gruppierungen anderer Kulturen lernen können. Nämlich Akzeptanz ohne nötige Rechtfertigung.
Falls du dich tiefer über solche Gruppierungen informieren oder einlesen möchtest – hier eine (ziemlich sicher unvollständige) Liste der Gruppen, auf die ich mich unter anderem bezogen habe:
- Babaylan – Philippinen
- Burrnesha – Albanien
- Chibados – Angola
- Fa’afafine – Samoa
- Femminielli – Italien
- Hijra – Indien, Pakistan und Bangladesh
- Māhū – Hawaii
- Muxe – Mexiko
- Nádleehi – Navajo
- Quariwarmi – Peru
- Sistergirl und Brotherboy – Australien
- Two-Spirits – indigenes Nordamerika