Falls Ihnen schlecht werden sollte, schauen Sie auf den Boden


von Raphael Wyss


Wie das Bundesamt für Strassen nach dem Nein zur Autobahnvorlage den massiven Ausbau des Wankdorf-Anschlusses zu retten versucht


«Immersives Erlebnis» im ASTRA-Pavillon (Bild: Adrian Tanner / Verein Spurwechsel)

Die Show des Bundesamts für Strassen (ASTRA) hat es in sich: Wer sich für eine Führung im «Besucherzentrum» neben dem Anschluss Wankdorf anmeldet, den das ASTRA dort für eine horrende Summe errichten liess, kann in ein “immersives Erlebnis” eintauchen. Für die Präsentation des neuen Wankdorf-Anschlusses (Projekt „Berner Umgestaltung Anschluss Wankdorf“, kurz „BUGAW“) ist nur das Beste gut genug: Riesige Leinwände, Cutting-Edge-Präsentationstechnik und das nach eigenen Angaben «grösste 3D-Stadtmodell der Welt» sollen die Menschen seit einigen Wochen von den Vorzügen des 250-Millionen-Franken-Ausbaus im Wankdorf überzeugen (Preisstand vor ca. 5 Jahren).

Der Bau des 3,8 Millionen Franken teuren Bungalows war dem ASTRA letzten Winter gehörig um die Ohren geflogen. Millionen an Steuergeldern auszugeben für ein Gebäude, das einzig und allein der Bewerbung von Autobahnausbauten dient, ist ohnehin schon sehr fragwürdig. Doch das ASTRA hat die Rechnung auch noch ohne die Wirt*innen gemacht: Am 24. November 2024 wurde der «Ausbauschritt 2023 für die Nationalstrassen» von den Schweizer Stimmberechtigten bachab geschickt. Damit wurden auch die meisten Projekte, die im «Besucherzentrum» ins beste Licht gerückt werden sollen, zur Makulatur. Das nonchalante Vorgehen wurde Anfang Jahr publik. Das ASTRA wehrte sich damals mit Händen und Füssen gegen die Veröffentlichung der Story – vergeblich.

Diese Vorgeschichte könnte erklären, warum das ASTRA das schmucke Besucherzentrum nicht so recht zeigen mag. So wurden die Menschen in den betroffenen Quartieren nicht über die Führungen informiert. Ansonsten setzt das ASTRA die lokale Bevölkerung über jede grössere Baustelle auf dem Autobahnnetz mittels Hauswurf in Kenntnis. Selbst bei Google findet man nur mit viel Glück und den richtigen Suchbegriffen die eigens gestaltete Website, auf der man sich für die Führungen im Pavillon anmelden kann (besucherzentrum-wankdorf.ch). So haben sich für die regelmässig stattfindenden Führungen bisher nur eine Handvoll Leute angemeldet.

Die Zurückhaltung des ASTRA folgt einer altbekannten Strategie: Werden kritische Reaktionen der Öffentlichkeit befürchtet, passt man sich an. So wurde letztes Jahr die lange geplante Auflage des Ausbauprojekts Schönbühl-Kirchberg verschoben, um vor der Volksabstimmung zur Autobahnvorlage keinen Staub aufzuwirbeln (genützt hat es bekanntlich nichts). Die offizielle Begründung: Man wolle dem demokratischen Prozess nicht vorgreifen. Beim Bau des Propagandazentrums im Wankdorf spielten solche Überlegungen offensichtlich keine Rolle…

Das ASTRA setzt derweil auf eine andere Strategie, um das Projekt BUGAW nach der Abstimmung vom November noch zu retten: Es tingelt seit einiger Zeit durch die Region, um die Gemeinderäte unter Ausschluss der Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass es den Anschluss in der geplanten Form noch immer brauche – auch wenn die anschliessenden Abschnitte nun nicht ausgebaut werden können. Mit dieser Strategie soll offenbar der Berner Gemeinderat unter Druck gesetzt werden. Als einzige der beteiligten Behörden hat dieser die Konsequenzen aus der Abstimmung vom letzten November gezogen und lehnt das Projekt in seiner aktuellen Form nun ab, nachdem er es zuvor jahrelang unterstützt hatte – entgegen dem Willen des Stadtrates, der sich stets unmissverständlich gegen das gigantische Projekt ausgesprochen hat.

Die Strategie scheint zumindest vorläufig aufzugehen: Wie aus einem geleakten Protokoll hervorgeht, wurde die Stadt bei einer Sitzung von Behördenvertreter*innen für ihren Sinneswandel heftig kritisiert – also dafür, dass sie die demokratische Willensäusserung der Berner Bevölkerung ernst nimmt. Die übrigen Behörden, seien sie vom Bund, vom Kanton oder von der Regionalkonferenz, sehen offenbar keinen Anlass, ihre Position wegen eines Volksentscheids zu überdenken.

Auch die Propagandavorstellung im millionenteuren Pavillon hat das ASTRA genau durchdacht, wie Auszüge aus dem Präsentationsskript zeigen. Unter anderem sind darin beschwichtigende Antworten auf zahlreiche «Nasty Questions» zu finden. Und beim «immersiven Erlebnis» mit 270°-Leinwand zeigt man sich besorgt um das Wohlbefinden der Besuchenden: «Wenn Ihnen schlecht wird, schauen Sie auf den Boden», sollen die Moderator*innen raten. Zumindest hier hat das ASTRA vorausgeahnt, welchen Effekt seine Propaganda auf die Rezipient*innen haben kann.

Gegen das Projekt BUGAW setzt sich unter anderem der Verein Spurwechsel ein: spurwechsel-bern.ch

Mehr über das Pavillon-Erlebnis und die fragwürdige Lobbying-Strategie des Bundesamts für Strassen gibt es in den Artikeln der freischaffenden Journalistin Catherine Duttweiler zu lesen: catherineduttweiler.ch Verkehr & Umwelt

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