Das grosse Aufrüsten oder der wahre Preis der SUVs?

von Leila

Ein erheblicher Anteil der Schweizer Bevölkerung scheint zu glauben: wenn andere mit schwererem
Geschütz auffahren, bin ich sicherer, wenn ich es ihnen gleichtue – Autobesitzerinnen rüsten auf. Was sind die Folgen?

Sicherheit – aber nur für wenige

Die AXA berichtete im Jahr 2020, dass SUVs bis zu 30% häufiger in Unfälle verwickelt sind als herkömmliche Autos, und laut einer Studie im Journal of Consumer verleitet das Gefühl von Sicherheit in einem grösseren Auto dazu, unachtsamer zu fahren. Nicht nur die Häufigkeit, auch die Schwere der Unfälle und die Anzahl der Todesopfer nimmt mit Grösse und Gewicht der involvierten Fahrzeuge zu. Zum einen liegt dies an der grösseren physikalischen Krafteinwirkung auf das andere Objekt. Besseren Schutz erfahren lediglich die Insassen der schwereren Autos. (siehe Abb. 1)

Ein weiterer Faktor, der die Sterblichkeitsrate der Unfälle ansteigen lässt, sind die höheren Motorhauben: Fussgängerinnen oder Velofahrende werden häufiger an Rumpf und / oder Kopf
verletzt, während herkömmliche Autos Menschen bei Kollisionen eher auf Knie- / Beinhöhe
erfassen.


Strassen- und Spurenbreiten werden aufgrund der erlaubten Maximalgeschwindigkeit und
vorhandener Platzverhältnisse festgelegt und gebaut. Grössere Autos rauben allen anderen
Verkehrsteilnehmenden Platz – und somit den vorgesehenen Seitenabstand. Dies führt besonders für
Velofahrende zu gefährlichen Situationen. (siehe Abb. 2)


Platzmangel in der Stadt


In den letzten 22 Jahren hat sich die Durchschnittslänge der Autos in Europa von 4.16 m auf 4.36 m erhöht. Die Folge: 21 Fahrzeuge brauchen heute den Platz, den früher 22 Fahrzeuge einnahmen. Der gleiche Effekt zeigt sich an Ampeln: Bei Grünphasen gleicher Dauer können weniger
Fahrzeuge eine Kreuzung passieren als früher. Im selben Zeitraum ist die durchschnittliche Fahrzeugbesetzung konstant bei 1.5 Personen geblieben. Das Auto ist somit in Bezug auf den beanspruchten Raum noch ineffizienter geworden.


Ökologischer Fuss- bzw. Reifenabdruck


Schwerere Fahrzeuge führen zu einer stärkeren Abnutzung der Strassen, welche wiederum höhere Unterhaltskosten und mehr Bauschutt nach sich zieht. Zudem lässt das höhere Gewicht des Fahrzeugs auch den Treibstoffverbrauch ansteigen. Weil in SUVs nicht mehr Menschen befördert werden können oder tatsächlich befördert werden als in normalgrossen Autos, sinkt die Effizienz pro Kopf massiv.

Segregation


Es gibt kaum mehr Klein- und Kleinstwagen auf den Strassen. Die Produktionskosten grosser Wagen sind nur unmerklich höher als die kleiner Autos, während die Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe viel grösser ist. Diese Kombination ermöglicht überhöhte Margen bei SUVs &Co., was die Produktion und den Vertrieb von Kleinwagen immer unattraktiver macht. Herstellende schieben als Begründung neue Auflagen an Autos vor – diese dienen aber wohl eher als willkommenes
Argument für eine strategische Neuausrichtung, die ohnehin aus Profitgründen angestrebt wurde. Mit immer weniger Kleinwagen auf dem Markt wird es für Menschen mit kleinem Einkommen, aber auch für Betriebe wie beispielsweise die Spitex schwierig bis unmöglich, bezahlbare Autos zu finden. Die Auswahl wird stark eingeschränkt und läuft überspitzt gesagt darauf hinaus, dass man einen kleinen oder einen grossen SUV kaufen kann – oder eben gar kein Auto mehr, weil es das
Budget nicht erlaubt.

Die gute Nachricht zum Schluss

Eines der Hauptargumente von SUV-Käufer*innen lautet meist: Durch die erhöhte Sitzposition hat
man eine bessere Sicht auf die Strasse


…was leider ein weit verbreiteter Mythos ist. In einem Versuch der Organisation “Kids and Cars”
wurden 17 Kinder auf dem Boden vor einem grossen Wagen platziert – keines davon ist für die
Person am Steuer sichtbar.

Schreibe einen Kommentar