Wenn der erste Stein fällt

von Elia Gerber

Es beginnt immer bei Minderheiten. Dadurch fühlt sich die Mehrheit nicht betroffen. Die Empörung hält sich in Grenzen. Ein Gesetz gegen trans Jugendliche hier, ein „Genderverbot“ an Schulen dort. Der erste Stein fällt, und noch meint man, das könne einfach als Ausrutscher ignoriert werden.

Doch wenn Dominosteine einmal ins Fallen kommen, dann sind sie nur schwer zu stoppen. Wer glaubt, die Entrechtung anderer lasse sich isolieren, täuscht sich. Antifeminismus, Queerfeindlichkeit und Transphobie sind keine Ausreisser – sie sind das Einfallstor für eine autoritäre, reaktionäre Politik, die nach und nach alles angreift und zu zerstören versucht: Frauenrechte, Meinungsfreiheit, religiöse Vielfalt, die Demokratie als Ganzes.

Angriff auf die Verletzlichsten

Der Angriff beginnt bei denen, die am wenigsten Schutz haben. In den USA wurden in den letzten zwei Jahren hunderte Gesetze eingebracht und teilweise verabschiedet, die trans Menschen das Leben erschweren – vom Verbot medizinischer Versorgung über den Wettkampfausschluss von trans Sportler*innen bis hin zu Toilettenvorschriften an Schulen. In Ungarn wurden queere Inhalte aus Schulbüchern verbannt, queere Organisationen unterdrückt und Gender Studies abgeschafft.

Auch in der Schweiz zeigt sich in jüngster Zeit ein zunehmend lautstarker Antifeminismus: Die Genderdebatte wird politisch instrumentalisiert, insbesondere von der SVP, die Gender und Gleichstellung pauschal als „Umerziehung“ oder „linke Ideologie“ diffamiert. Gleichzeitig wird auch hier über ein „Verbot der Geschlechtsumwandlung bei Minderjährigen“ diskutiert – eine Forderung, die aus dem rechtskonservativen Lager stammt und die gezielt trans Jugendliche ins Visier nimmt.

Angriff auf die Selbstbestimmung

Doch so schlimm wie diese Beispiele sind, markieren sie dennoch nur den Anfang. Denn rechte Ideologie funktioniert nicht selektiv. Antifeminismus ist ihr integraler Bestandteil – nicht nur als Misogynie, sondern als umfassende Reaktion auf gesellschaftlichen Fortschritt. Er bietet ein einfaches Weltbild an, das klare Hierarchien verspricht: Männer über Frauen, Heteros über Queers, das Nationale über das Fremde. In diesem Weltbild stört alles, was Vielfalt und Gleichwertigkeit bedeutet.

Der Hass auf queere Menschen ist nie nur Hass auf Einzelpersonen. Queerfeindlichkeit ist der Hass auf das Prinzip der Selbstbestimmung. Wer sich den traditionellen Geschlechterrollen verweigert, wird von der rechten Ideologie nicht als Individuum betrachtet, sondern als Gefahr. Deshalb trifft antifeministische Politik nie nur die direkt Adressierten – sie zielt auf die Grundlagen einer offenen, progressiven Gesellschaft.

Zusammenhalten, bevor es zu spät ist

Und genau deswegen ist Solidarität kein „Extra“, keine noble Geste von Privilegierten. Solidarität mit trans Personen ist der einzige Weg, wie wir verhindern können, dass die Steine weiterfallen. Denn was heute als Angriff auf die Rechte von Minderheiten erscheint, ist in Wahrheit der Auftakt zu einem viel grösseren Kampf. Es ist der Angriff auf die Vielfalt, die Freiheit und die Demokratie.

Wer nur zuschaut, wie der erste Stein fällt, wird spätestens beim letzten Stein selbst am Boden liegen. Deshalb stehen wir Seite an Seite und gehen gemeinsam an den Queerfeministischen Streik am 14. Juni! Venceremos!

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