Woher kommen bloss die ganzen Überstunden?

von Leila Yahiaoui

Das fragen sich führende Mitarbeitende in einer Schweizer Uniklinik.

Und sehen als Grund doch tatsächlich, dass Ärzt*innen am Mittag nicht richtig ein- und ausstempeln. Ärzt*innen, die oftmals im Gang zwischen Cafeteria und Stationsbüro ein Sandwich oder am Computer ein Birchermüesli essen.

Im ganzen Spar-Wahn, dem das Schweizer Gesundheitswesen ausgesetzt ist, haben selbst klinikintern die Verantwortlichen den Blick für das Ganze verloren.

Um zu verstehen, wie absurd unser heutiges Gesundheitswesen aufgestellt ist, stellen wir uns mal vor, man würde das Bildungssystem so ausgestalten. Es würde ein breites Angebot an Schulen bestehen und die Schulen würden den Mindestlehrauftrag, den das Gesetz vorschreibt, abdecken. Damit sie jedoch konkurrenzfähig bleiben können, beschäftigen die Schulen Consultingfirmen, um sich attraktive Ausbildungs-Packages auszudenken, ansprechende Online-Auftritte zu gestalten und schlagkräftige Werbekampagnen zu lancieren. Eltern, die den Mindestbetrag bezahlen, würden ihr Kind 8 Lektionen pro Woche zur Schule schicken dürfen. Dort würde es dann von Praktikant*innen unterrichtet. Wer mehr bezahlt, würde ein volles Wochenpensum und ausgebildete Lehrpersonen kriegen. Wer noch mehr bezahlt, dessen Kind dürfte der Lehrperson während der Lektion sogar drei Fragen stellen. Die Schulen würden jedes Jahr Milliardengewinne schreiben und die Schulleiter*innen sahnten fette Boni ab.

Wir sind uns alle einig: Solch ein Bildungssystem wäre eine Katastrophe.

Warum erkennen wir diese vorherrschende Situation im Gesundheitswesen nicht auch als Katastrophe an?

Dabei zeigt sich die Schieflage nicht nur im Spitalbetrieb. Krankenkassen bieten zunehmend Boni und Rabatte für Menschen an, die einen «gesunden Lebensstil» nachweisen – wer regelmässig Sport treibt, wenig Fleisch isst oder mit der App seine Schritte zählt, wird belohnt. Klingt vernünftig? Auf den zweiten Blick ist es das Gegenteil. Ein gesunder Lebensstil ist kein freier Entscheid, sondern oft ein Privileg. Wer in einer gut ausgestatteten Wohnung lebt, einen stressarmen Job hat, sich frische Lebensmittel leisten kann und die nötige Freizeit besitzt, hat schlicht bessere Voraussetzungen, «gesund» zu leben. Wer hingegen zwei Jobs macht, in beengten Verhältnissen wohnt und am Monatsende kaum über die Runden kommt, wird von diesen Anreizen nicht belohnt – sondern bestraft. Das Gesundheitssystem reproduziert so soziale Ungleichheit, anstatt sie auszugleichen.

Ähnlich verhält es sich mit Franchise und Selbstbehalt. Wer seine Franchise hoch ansetzt, spart monatlich bei den Prämien – aber nur, wenn man sich leisten kann, im Krankheitsfall erst einmal aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Rund 20 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz könnten eine Rechnung von 2’500 Franken nicht ohne Weiteres begleichen. Die Folge ist eine stille Unterversorgung: Menschen gehen nicht zum Arzt, weil sie die Kosten scheuen. Sie warten zu, bis aus einem handhabbaren Problem ein ernstes wird. Was kurzfristig Kosten zu sparen scheint, erzeugt langfristig weit höhere – für die Betroffenen, aber auch für das gesamte System. Gleicher Zugang zu medizinischer Versorgung für alle darf nicht vom Kontostand abhängen. Gesundheit ist ein Menschenrecht – und muss auch so behandelt werden.

Besonders deutlich wird das Versagen des Systems bei der mentalen Gesundheit. Psychotherapeutische Angebote sind oft monatelang ausgebucht, teuer und für viele Menschen schlicht nicht erreichbar – weder geografisch noch finanziell. Dabei wäre niederschwellige, gut zugängliche Unterstützung für die psychische Gesundheit nicht nur menschlich geboten, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Wer frühzeitig Hilfe bekommt, braucht später keine stationäre Behandlung. Wer seine Erschöpfung ernst nehmen darf, kommt nicht mit einem Burnout ins Spital. Die Stärkung der mentalen Gesundheit gehört ins Zentrum einer modernen Gesundheitspolitik – nicht an deren Rand.

Genau hier läge die eigentliche Lösung: Gesundheitsförderung und Prävention. Es ist vielfach belegt, dass Investitionen in Prävention – in gesunde Wohn- und Arbeitsbedingungen, in psychische Gesundheit, in frühzeitige Erkennung von Krankheiten – einen Bruchteil dessen kosten, was ein rein kuratives System aufwendet, das erst eingreift, wenn Menschen bereits krank sind. Dazu braucht es kostenlose und niederschwellige Verhütungs- und Präventionsangebote, die für alle zugänglich sind – unabhängig von Einkommen, Wohnort oder Aufenthaltsstatus. Prävention, die nur für Privilegierte funktioniert, ist keine Prävention.

Stattdessen kürzen wir beim Pflegepersonal, überhäufen Ärzt*innen mit Bürokratie und wundern uns über explodierende Prämien. Dabei wird eine der wichtigsten Ursachen des Problems konsequent ignoriert: die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen selbst. Wer das System am Laufen hält – Pflegende, Ärzt*innen, medizinisches Fachpersonal – arbeitet häufig unter enormem Druck, mit zu vielen Überstunden und zu wenig Anerkennung. Faire und gesunde Arbeitsbedingungen für das Gesundheitspersonal sind nicht nur eine Frage der Würde, sondern auch der Versorgungssicherheit. Ein System, das seine eigenen Fachkräfte ausbrennt, kann keine gute Versorgung garantieren.

All diese Probleme haben eine gemeinsame Wurzel: ein Krankenkassensystem, das auf Konkurrenz statt auf Solidarität setzt. Dutzende Kassen, Millionen für Marketing, komplizierte Tarifverhandlungen – und am Ende zahlen alle drauf, ausser jene, die ohnehin profitieren. Die Einführung einer solidarischen Einheitskrankenkasse würde diesen Wildwuchs beenden. Verwaltungskosten würden sinken, die Verhandlungsmacht gegenüber der Pharmaindustrie steigen, und die Prämien würden endlich nach Einkommen statt nach Kopf berechnet. Wer mehr verdient, zahlt mehr – wer wenig hat, wird nicht bestraft dafür.

Die Antwort auf die Frage, woher die ganzen Überstunden kommen, liegt also nicht im falschen Stempelverhalten. Sie liegt in einem System, das Gesundheit als Markt begreift statt als Menschenrecht – und das so lange nicht grundlegend reformiert wird, wie der politische Wille dazu fehlt.

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