Postulat Fraktion GB/JA! (Hasim Sancar, GB, Anne Wegmüller, JA!): Jugendliche: Eine Generation unter Verdacht?

Jugendliche sind offen, integrativ und wir Erwachsene könnten viel von ihnen lernen, wenn wir nicht Gefangene unseres eigenen Ehrgeizes wären.

Jugendliche setzen sich in der Regel für eine integrative und gerechte Welt, für eine gerechte Verteilung von Güter und Ressourcen, für mehr soziale Einrichtungen ein und versuchen mit ihren Mitteln Armut, Krieg und von uns Erwachsenen verursachten Missständen entgegen zu treten. So zeigt das Ergebnis des Forschungsprogramms des Nationalfonds 52 (Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel), dass die Kinder (zwischen 12 und 16 jährige) motiviert und bereit sind, in der Schule und der Gemeinde zu partizipieren. Gleichzeitig wird aber auch festgehalten, dass ihnen von Seite der Gemeinde und der Politik offenbar zu wenig Gelegenheit gegeben wird.

Der allergrösste Teil der Jugendlichen verhält sich friedlich und lehnt Gewalt ab. Nur ein sehr kleiner Teil ist in Gewaltereignisse verwickelt. Leider haben Politik und Medien einzelne solche Fälle zum Anlass genommen, eine ganze Generation unter Gewaltverdacht zu stellen. Die Politik der Erwachsenen hat das Thema „Jugendgewalt zur Krise hochgespielt, behauptet diese habe massiv zugenommen, obwohl sich dies empirisch nicht beweisen lässt, und die Zahlen dazu äusserst umstritten sind. Manche Erwachsene verlangen sogar demokratiepolitisch fragwürdige Strafmassnahmen für Jugendliche. Die Devise lautet „als wir jung waren, da gab’s so was nicht“.

Vergessen wird dabei, dass wir den Jugendlichen, und damit auch unserer Zukunft, nicht gerecht werden. Wir haben vergessen, dass sich unsere Jugendlichen trotz ständig steigendem Leistungsdruck in unserer Gesellschaft gut behaupten und sich grossmehrheitlich auch sehr zivilisiert verhalten sowie gewaltfrei miteinander umgehen.

Dabei gilt es auch immer wieder zu erwähnen, dass Kinder und Jugendliche in unserer Stadt bedauerlicher Weise fast die Hälfte der SozialhilfebezügerInnen ausmachen. Umso unverständlicher ist es, dass auch im Berner Stadtrat Defizit orientierte Vorstösse unter dem Titel „Jugendgewalt“ eingereicht werden und in vielen Voten Jugendliche in ihrer Abwesenheit – sie können sich ja nicht zu Wort melden – pauschal verurteilt werden.

Kinder und Jugendliche haben einen Sinn für Gerechtigkeit, der vielen Erwachsenen leider abhanden gekommen ist. Umso wichtiger ist ein Perspektivenwechsel in der Wahrnehmung und Darstellung der Jugendlichen. Dies kann nur geschehen, wenn wir die Jugendlichen selber zu Wort kommen lassen. Die Behörden sollen dies möglich machen.


Daher wird der Gemeinderat beauftragt:

1. In den Berner Schulen mit einem Projekt, möglicherweise unter der Federführung der Schulsozialarbeit, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich zum Thema Gewalt differenziert äussern zu können (z.B. Aufsätze, gestalterische Arbeiten, Theaterprojekte). Miteinbeziehen soll das Projekt auch, wie Jugendliche die diesbezügliche Wahrnehmung durch die Erwachsenen selbst erleben und was sie zur entsprechenden Darstellung in den Medien und in der Politik sagen.

2. Die Ergebnisse des Projektes in einer geeigneten Form (z.B. eine Ausstellung) der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Bern, 14.2.2008