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Dringliche
Interpellation Fraktion Grünes Bündnis/Junge Alternative JA! (Anne Wegmüller
JA! & Hasim Sancar GB): Überprüfung des
Polizeieinsatzes vom 19.01.2008 auf Rechtsmässigkeit und
Verhältnismässigkeit gefordert
Am World Economic Forum, welches jedes Jahr in Davos stattfindet, treffen
sich Wirtschaftsführer, pflegen den Austausch und schmieden Pläne, welche
nicht selten negative Auswirkungen auf die ganze Welt haben. Dieses Jahr ist
Henry Kissinger als Ehrengast eingeladen. Seine Unterstützung des brutalen
Sturzes der demokratisch gewählten Regierung in Chile ist bekannt.
Vergangenen Samstag 19.1.08 wollten zahlreiche Menschen friedlich gegen das
undemokratische WEF und die negativen Auswirkungen der Globalisierung
demonstrieren. Die Junge Alternative JA! und das Grüne Bündnis bedauern das
unverantwortliche Handeln im Vorfeld der Anti-WEF-Kundgebung von einzelnen
Exponenten der Demo-Koordination, welche den Rückzug der Bewilligung
provoziert hat. Dieses Vorgehen darf aber kein Freipass für unangemessenes
Vorgehen der Polizei bedeuten.
Mit dem überstürzten Entscheid des Gemeinderats sowie der Kantonspolizei
Bern die Bewilligung für die Anti-WEF-Kundgebung zurückzuziehen, wurde ein
breiter, friedlicher Protest gegen die negativen Folgen der Globalisierung
verhindert. Die Junge Alternative JA! und das Grüne Bündnis kritisieren das
unverhältnissmässige Grossaufgebot der Polizei. Mit dem Kundgebungsverbot
sowie willkürlichen Polizeikontrollen und Festnahmen im Vorfeld der
Demonstration wurde versucht die friedlichen GlobalisierungskritikerInnen zu
kriminalisieren und einschüchtern. Von Deeskalationsstrategie von Seiten der
Polizei war keine Spur vorhanden und die Polizei ist mit einem massiven
Aufmarsch auf die friedliche DemonstrantInnen und Nicht-DemonstrantInnen
vorgegangen.
Die Fraktion GB/ JA! verlangt die Überprüfung des Polizeieinsatzes auf
Rechtsmässigkeit und Verhältnismässigkeit.
Deshalb fordert die Fraktion GB/ JA! den Gemeinderat auf, folgende Fragen zu
beantworten:
1. Wo liegen seit der Einführung von Police Bern die Entscheidungsbefugnisse
bezüglich Gewährung oder Rückzug einer Kundgebungsbewilligung für die Stadt
Bern.
2. Laut Pressemitteilung vom Donnerstag war der Grund des Rückzugs der
Bewilligung eine "neue Nachrichtenlage", unter anderem eine
"Lagebeurteilung" des Dienstes für analyse und Prävention? Hat sich der
Gemeinderat diese offensichtlich falsche Lagebeurteilung vorlegen und
begründen lassen?
3. Aus welchen Gründen und nach welchen Kriterien wurden Personen
kontrolliert und 242 Personen festgenommen? Nach welchen Kriterien wurden
vermutliche DemonstrantInnen von vermutlichen PassantInnen unterschieden?
4. Bei den Festnahmen kam auch unnötige Gewalt von der Polizei vor (offenbar
sogar mit Schlägen mittels Mehrzweckstock). Wie erklärt der Gemeinderat
dieses Vorgehen der Polizei?
5. Da ein Bluter bei der unsorgfältiger Verhaftung der Polizei verletzt
wurde und die Polizei von seiner Krankheit informiert wurde, wurde trotzdem
keine umgehende medizinische Hilfe geleistet. Ist das für Gemeinderat nicht
ein Fall von unterlassenen Hilfeleistung?
6. Was geschieht mit den Personalien und Fotoaufnahmen, die von der Polizei
am 19.1.08 von den kontrollierten und festgenommenen Personen genommen
wurden?
7. Wie beurteilt der Gemeinderat die Tatsache, dass zwei Journalisten -
einer von der WOZ, einer vom Courrier - beim Verlassen des Redaktionsbüros
der WOZ auf Geheiss des Staatsschutzbeamten K.T. (ehemals Stadtpolizei)
festgenommen wurden? Wie steht der Gemeinderat zu den Festnahmen von zwei
Journalisten? Wie vereinbaren sich diese Festnahmen mit der Pressefreiheit?
8. Hat der Gemeinderat Kenntnis davon, dass die Bürogemeinschaft, zu der
auch das WOZ-Büro gehört, offenbar bereits Tage zuvor vom Staatsschutz
überwacht und der WOZ-Journalist zwei Stunden nachdem er am Donnerstag an
der Pressekonferenz von Gemeinderat und Kantonspolizei teilgenommen hatte,
von dem Staatsschützer K.T. in der Neuengasse angepöbelt wurde?
9. Warum führte die Polizei - nachdem die parlamentarische
Aufsichtskommission das Vorgehen der Polizei bezüglich Leibesvisitationen
vor drei Jahren scharf kritisierte – unzählige erniedrigende
Leibesvisitationen durch, bei denen sich die Festgenommenen bis auf die
Unterhosen oder gar nackt ausziehen mussten?
10. Warum hielt die Polizei die Festgenomenen bis zu zehn Stunden, also
deutlich länger als die Dauer der Demonstration fest? Warum war der Zugang
zu Toiletten und Wasser nicht während der ganzen Zeit der Festnahme
gewährleistet?
11. Wie bewertet der Gemeinderat, dass im kalten Wintermonaten festgenommene
Personen im Aussenzellen im Hinterhof der Polizeiwache Waisenhausplatz so
langen in der Kälte festgehalten wurden und einige sogar aus dem Gebäude
heraus wahrscheinlich mit einem Eimer mit Wasser übergossen?
12. Warum stellte Bern Mobil der Polizei Busse zur Verfügung, um die
Festgenommenen in die Zivilschutzanlage zu fahren, obwohl dies klar dem
Abkommen zwischen Polizei und Bern Mobil widerspricht (Hilfestellungen von
Bern Mobil sind nur für humanitäre Einsätze wie Brände oder Unfälle
vorgesehen).
Begründung der Dringlichkeit: Die Überprüfung des Polizeieinsatzes vom
19.01.2008 auf Rechtsmässigkeit und Verhältnismässigkeit muss auch in
Hinblick auf den Grosseinsatz während der Euro 08 möglichst rasch gemacht
werden, damit die Polizeistrategie überdacht und die Vorgehensweisen
rechtzeitig angepasst werden kann.
Bern, 24. Januar 2008
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