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1. Mai 2007: Tag
der Arbeit unter dem Motto: Respekt - wir sind mehr als Werkzeuge

Redebeitrag von
Rahel Ruch im Rahmen der offiziellen 1. Maifeier:
Liebe Freundinnen und Freunde
In rund einem Monat treffen sich in Deutschland einmal mehr die
selbsternannten Global Leaders am G8-Gipfel. Da wird diskutiert, bestimmt
und verhandelt. Klingt wie ein netter Spielabend – nur leider sind die
Töggeli, welche von den Regierungschefs herumgeschoben werden nicht aus
Plastik, sondern aus Fleisch und Blut. Da wird gelogen, verharmlost und
geheuchelt.
Die neoliberale Politik, die von den G8-Chefs vertreten wird, bedeutet
Profitmaximierung für diejenigen die in der Chefetage sitzen. Es bedeutet
Arbeit auf Abruf, 1000-Fr.-Jobs, tiefe Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen
und patriarchale Strukturen für diejenigen, welche heute hier und auf der
ganzen Welt den ersten Mai feiern. Vor allem aber für diejenigen, welche den
ersten Mai nicht begehen können, weil sie schon seit 12 Stunden irgendwo in
Asien Nike-Schuhe zusammennähen.
Nun stehen wir also alle hier. Die alte Gewerkschafterin, der junge Grüne
und die Aktivistin vom Bündnis gegen Rechts. Wir sind alle hier und wir
wollen alle verändern – gleichzeitig lesen wir Tag für Tag wie unpolitisch
und uninteressiert die Gesellschaft, vor allem die Jugend ist.
Ich gehöre ja auch zu dieser Jugend, von der ständig gesagt wird sie sei
unpolitisch, uninteressiert und gewalttätig. Wieso nur?
Eine Folge der neoliberalen Politik ist die Ökonomisierung der Bildung.
Bildung wird immer mehr zu einem schwer erschwinglichen Gut. Studiengebühren
werden heute schon gar nicht mehr in Frage gestellt, im Gegenteil sie sollen
erhöht werden. Stipendien sind in den letzten Jahren massiv gekürzt worden.
Gleichzeitig verlangt das Bachelor-Master-System an den Universitäten von
den Studierenden ein rasches „Durchziehen“ des Studiums, welches zunehmend
verschult wird. Das macht Arbeiten neben dem Studium schwierig bis
unmöglich. Ergo: Wer Eltern hat, die das Studium finanzieren können und
wollen, hat Glück. Für die anderen ist Studieren mit hohen Hürden verbunden.
Das bedeutet Stress, Geldprobleme und Druck.
Wer nicht studiert, sondern eine Lehrstelle sucht, steht noch vor viel
grösseren Problemen:
Seit der Ablehnung der Lehrstelleninitiative Lipa hat sich die
Jugendarbeitslosigkeit und der Lehrstellenmangel zusehends verschärft.
Unternehmen bilden keine Lehrlinge aus, sondern stellen unterbezahlte
Aushilfen an oder beschäftigen StudienabgängerInnen in Praktika zu
schlechten Bedingungen und tiefem Lohn.
Laut der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe ist in Städten und
Agglomerationen heute einer von 15 jungen Menschen sozialhilfeabhängig. Bei
den Jugendlichen 19-25 Jahren ist der Anteil an SozialhilfebezügerInnen am
grössten. Immer mehr Jugendliche haben keine Chance auf eine
nachobligatorische Ausbildung.
Es ist ein Skandal, dass die Schweiz es immer noch nicht geschafft hat,
wirksame Instrumente zu entwickeln, mit denen die Unternehmen zur
Verantwortung gezogen werden können. Für SchulabgängerInnen und Lehrlinge
bedeutet das Stress, das Schreiben von unzähligen Bewerbungen,
Minderwertigkeitskomplexe und Demotivation.
Doch nicht nur im Bildungsbereich herrscht das Recht des Stärkeren: Die
herrschende Wirtschaftsordnung bedeutet auch Militarisierung statt soziale
Sicherheit. Fast jeder Vater besitzt ein Gewehr im Kleiderschrank, Soldaten
vor Botschaften, bei Verkehrskontrollen und bei Demos gehören schon fast zum
Stadtbild. Krieg als Durchsetzung der Machtinteressen, Militäreinsätze
getarnt als Friedensmissionen und der florierende weltweite Waffenhandel
werden kaum hinterfragt – denn es geht ja um die Sicherheit.
Ich frage mich, was das denn für eine Sicherheit sein soll, wenn ich zwar
auf Schritt und Tritt einem Polizisten begegne aber auch nach 150
Bewerbungsschreiben keine Lehrstelle finde. Und ich bin konsterniert, wenn
diejenigen, die eine solche Politik vertreten mit mir an einer Jugendsession
heuchlerisch über meine Visionen und Interessen sprechen wollen. Deshalb
lesen wir dann in der Zeitung, die Jugend sei unpolitisch. Aber diejenigen,
die sich Woche für Woche für die Gassenküche engagieren, werden als
ChaotInnen abgetan und sollen möglichst schnell aus Berns Stadtbild
verschwinden. All diejenigen, die Musik gegen Rassismus machen, denen wird
Unterstützungsgeld gestrichen. All diejenigen, die täglich in der Reitschule
arbeiten, sich für originelle Politik und Kultur einsetzen, die werden als
Staatsschmarotzer und Berufsdemonstrantinnen beschimpft. SO wird dieses
Gespenst der unpolitischen Jugend erzeugt und der RESPEKT bleibt auf der
Strecke.
Deshalb: Brechen wir aus und machen wir den Mund auf, denn:
Ich will Lehrstellen für alle, egal ob sie Meier oder Berisha heissen, statt
Ausbeutung und Temporär-Jobs.
Ich will freien Zugang zur Uni statt Studiengänge, die nur darauf
ausgerichtet sind, Rädchen für die Wirtschaftsmaschinerie zu produzieren.
Ich will Lohngleichheit und Mädchen die mit Eisenbahnen spielen statt
Frauen- und Männerberufe.
Ich will internationale Solidarität statt rassistische Ausgrenzung.
Ich habe es oben erwähnt – wir sind da, wir wollen verändern. Und wir können
das auch. Wir können am 2. Juni nach Heiligendamm fahren und ein wuchtiges
Zeichen gegen das Profitdenken der „Global Leaders“ setzen. Wir können am
16. Juni hier in Bern auf die Strasse gehen und uns dafür einsetzen, dass
Grundrechte für alle gelten. Wir können am 8. März hinstehen und sagen, dass
Gleichstellung für uns nicht bloss ein Lippenbekenntnis ist.
Denn es braucht nicht WahlkämpferInnen, die mit Slogans und Versprechen um
sich werfen, es braucht Basisarbeit, auf der Strasse, auf den Baustellen und
an den Universitäten.
Deshalb: Musizieren wir weiter, gassenkochen wir weiter, demonstrieren wir
weiter - denn wir sind stark, wir sind mehr als Werkzeuge!
  
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